{"id":175,"date":"2023-01-17T14:19:56","date_gmt":"2023-01-17T13:19:56","guid":{"rendered":"https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/?p=175"},"modified":"2023-03-15T09:50:21","modified_gmt":"2023-03-15T08:50:21","slug":"organisierter-mord-in-hadamar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/?p=175","title":{"rendered":"Organisierter Mord in Hadamar"},"content":{"rendered":"\n<p>von Mia Hitrik, Zo\u00e9 Tornow<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Am Montag, den 7. November 2022 besuchte die Q3 (13. Klasse) die Gedenkst\u00e4tte Hadamar. Diese war w\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus eine T\u00f6tungsanstalt, in der circa 10.000 Menschen mit k\u00f6rperlichen oder geistigen Behinderungen ermordet wurden.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schon beim Eintreffen in den kleinen Ort bekamen wir ein schauerliches Gef\u00fchl. Der Nebel in der Luft machte die Situation noch tr\u00fcber und bedr\u00fcckender. Zuvor war der Jahrgang aufgeteilt worden, so dass wir nach der Ankunft in kleineren Gruppen von verschiedenen leitenden Personen der Gedenkst\u00e4tte durch den Tag begleitet wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst bekamen wir Zitate und Gesetztestexte, die wir einem Zeitstrahl von 1880 bis 2020 zuordnen sollten. An den Zitaten war es erschreckend zu sehen, wie entw\u00fcrdigend \u00fcber Menschen mit Behinderung hinweg gesprochen wurde. Am entsetzlichsten fanden wir die Gesetzestexte aus den fr\u00fchen Jahren des 20. Jahrhunderts, die diese Menschen zu einer Sterilisation gezwungen hatten, bis hin zur Rechtfertigung ihrer Ermordung. Uns wurde ebenfalls ein Zitat aus einem Brief der AfD aus dem Jahre 2021 vorgelegt. In diesem Brief nahm die AfD im Rheinland-Pf\u00e4lzer Landtag Stellung zu den hohen Haushaltsausgaben f\u00fcr Sozialleistungen, welche anhand eines Beispiels von zwei Br\u00fcdern mit Behinderung argumentierte. Diese betitelten sie nicht nur als \u201eProblemf\u00e4lle\u201c, sondern hoben dramatisch hervor, wie viel die beiden die Steuerzahlenden denn j\u00e4hrlich kosten w\u00fcrden. Die Aussage der AfD erinnerte uns alle stark an Propagandaplakate aus dem Nationalsozialismus, in denen Menschen ebenfalls durch Geld ihr Wert in der Gesellschaft zu- oder abgesprochen wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Leiterin stellte uns danach verschiedene Biografien von Opfern vor. Besonders schockierend waren vor allem die vielen kleinen Kinder, die ermordet wurden, wobei uns jedes Einzelschicksal sehr naheging.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend schauten wir uns die ehemalige Busgarage an, die hinter der Klinik steht und an der damals die Menschen kurz vor ihrer Ermordung ankamen.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch wie wurde eigentlich entschieden, wer nach Hadamar kam? Mit dieser Frage besch\u00e4ftigte sich die T4-Zentrale in Berlin, welche B\u00f6gen der Betroffenen an die Krankenh\u00e4user und psychiatrischen Anstalten schickte. Diese beinhalteten allgemeine Fragen zur Person, wie lange diese schon dort sei, ob sie regelm\u00e4\u00dfig Besuch bek\u00e4me und was und wie lange sie gearbeitet habe. Erschreckend hieran ist, nach welchem Schema vorgegangen wurde: Man ma\u00df und beurteilte die Patientinnen und Patienten nach ihrem Nutzen, d.h. in anderen Worten, wie viel Geld sie der Gesellschaft einbrachten oder ob sie ihr zur Last fielen. Au\u00dferdem wurden sie bespitzelt, um in Erfahrung zu bringen, wer regelm\u00e4\u00dfig Besuch bekam, damit es kein gro\u00dfes Aufsehen erregte, wenn sie auf einmal nicht mehr da waren. Die erw\u00e4hnten B\u00f6gen wurden dann von Bediensteten im \u00e4rztlichen Auftrag und Mitarbeitenden der T4-Zentrale ausgewertet, woraufhin die Untersuchten vor ihrer Verlegung nach Hadamar zun\u00e4chst in eine Zwischenanstalt transportiert wurden. Von diesen wurden sie in 20 bis 25 Personen gro\u00dfen Gruppen von Bussen abgeholt, wobei die Busfenster mit Gardinen versehen waren, damit man von au\u00dfen nicht sehen konnte, wer sich darin befand. Auch die Bev\u00f6lkerung konnte so von au\u00dfen nicht erkennen, was in den Bussen bzw. in den Kliniken in ihrer Stadt vorging. Erst als die Busse in die Busgaragen vollst\u00e4ndig eingefahren und die Tore dahinter verschlossen worden waren, durften die Personen aussteigen. Bis zu diesem Zeitpunkt dachten sie immer noch, sie seien nur verlegt worden oder w\u00fcrden einen Ausflug unternehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ihrer Ankunft in Hadamar wurden sie in einen gro\u00dfen Raum mit vielen Betten gef\u00fchrt, wo jeder eins zugeteilt bekam. Daraufhin wurden sie aufgefordert, sich auszuziehen und einen schwarzen Mantel anzulegen. Danach wurden sie einem Arzt vorgestellt, der sie mit dem alleinigen Zweck untersuchte, eine m\u00f6gliche Todesursache f\u00fcr die sp\u00e4tere Sterbeurkunde zu bestimmen. Hinterher f\u00fchrte man sie in den Keller, wo sie \u201eduschen\u201c sollten. Jedoch war dies die Gaskammer, wo sie alle hineingingen und hinter luftdichten T\u00fcren eingeschlossen wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem der Gashahn mit dem t\u00f6dlichen Kohlenstoffmonoxid aufgedreht worden war, dauerte es nicht lange, bis alle darin erstickt waren. Anschlie\u00dfend zog man sie \u00fcber ein Schleifband zu den Verbrennungs\u00f6fen, wo sie letztlich verbrannt wurden. Allerdings war der Rauch, der dabei aufstieg, in der ganzen Stadt sichtbar und einige Ortsans\u00e4ssige sprachen sogar von einem gewissen Geruch, der sich seitdem \u00fcber Hadamar niedergelassen hatte.<\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Hadamar3-scaled-e1673962209768-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-182\" srcset=\"https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Hadamar3-scaled-e1673962209768-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Hadamar3-scaled-e1673962209768-225x300.jpeg 225w, https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Hadamar3-scaled-e1673962209768.jpeg 800w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Standort des Krematoriumofens. Foto: Mia Hitrik<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Leider war dies erst der Anfang. Denn nach dieser ersten Phase wurde vorerst beschlossen, mit der Vergasung aufzuh\u00f6ren, da die Aktion bis hierhin sehr erfolgreich verlaufen war und man nicht riskieren wollte, die Bev\u00f6lkerung darauf zu lenken.<\/p>\n\n\n\n<p>Folglich begann die zweite Phase circa ein Jahr sp\u00e4ter, in der man sich nicht mehr nur auf Menschen mit Behinderung fokussierte, sondern auch auf Halbj\u00fcdinnen und Halbjuden sowie Gastarbeitende.<\/p>\n\n\n\n<p>Von da an ging man hingegen anders vor: Nach ihrer Ankunft wurden diese in die Kategorien \u201earbeitsf\u00e4hig\u201c und \u201enicht arbeitsf\u00e4hig\u201c unterteilt. Die einen sollten in der Anstalt arbeiten, die anderen wurden mit einer \u00dcberdosis Morphium get\u00f6tet, da sie keinen vermeintlichen Nutzen mehr erbringen konnten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Lebensbedingungen waren insgesamt fatal und es war schier unm\u00f6glich, bei der schweren Arbeit und der geringen zur Verf\u00fcgung gestellten Verpflegung zu \u00fcberleben. Daher schafften dies auch nur knapp 10 %.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus diesem Grund stellte sich nun die Frage, wo die ganzen Leichen entsorgt werden sollten; sie konnten n\u00e4mlich nicht an die Angeh\u00f6rigen zur\u00fcckgeschickt werden. H\u00e4tte man sie alle auf dem st\u00e4dtischen Friedhof begraben, h\u00e4tte das Fragen aufgeworfen. So errichtete man stattdessen Massengr\u00e4ber hinter der Klinik auf den Weinbergen, um f\u00fcr den Fall, dass Angeh\u00f6rige der Bestattung beiwohnen wollten, den Schein zu wahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Daher schauten wir uns ebenfalls den Keller der Klinik an, wo sich fr\u00fcher die Gaskammer, der Sezierungsraum und die zwei Verbrennungs\u00f6fen befanden. Es war \u00e4u\u00dferst unheimlich und bedr\u00fcckend, die R\u00e4ume zu betrachten und noch unfassbarer war es zu begreifen, wie viele Menschen dort auf dem Boden, auf dem wir standen, ihr Leben verloren hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend ging es wieder nach drau\u00dfen. Gleich hinter der Klinik befindet sich ein stufiger Weg hoch auf den Weinberg, auf dem sich damals das gro\u00dfe Massengrab befand. Jedoch machte die Atmosph\u00e4re die Situation etwas beschwerlich zu begreifen. Es scheint so, als h\u00e4tte man dort wortw\u00f6rtlich in den letzten Jahren \u201eGras \u00fcber die Sache wachsen lassen\u201c. Denn heutzutage findet man dort eine Landschaft vor, die eher an eine Parkanlange als an die grauenhafte Vergangenheit dieses Ortes erinnert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dort oben angelangt trug uns die Leiterin zum Abschluss ein kurzes Gedicht vor:<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Gespr\u00e4ch mit einem \u00dcberlebenden &#8211; von Erich Fried<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Was hast du damals getan, was du nicht h\u00e4ttest tun sollen? Nichts.<br>Was hast du nicht getan, was du h\u00e4ttest tun sollen? Das und das. Dieses und jenes. Einiges.<br>Warum hast du es nicht getan? Weil ich Angst hatte.<br>Warum hattest du Angst? Weil ich nicht sterben wollte.<br>Sind andere gestorben, weil du nicht sterben wolltest? Ich glaube ja.<br>Hast du noch etwas zu sagen zu dem, was du nicht getan hast?<br>Ja. Dich zu fragen, was h\u00e4ttest du an meiner Stelle getan?<br>Das wei\u00df ich nicht. Und ich kann \u00fcber dich nicht richten. Nur eines wei\u00df ich: Morgen wird keiner von uns leben bleiben, wenn wir heute wieder nichts tun.<\/em><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-large\"><img decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Hadamar2-scaled-e1673962200197-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-181\" srcset=\"https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Hadamar2-scaled-e1673962200197-768x1024.jpeg 768w, https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Hadamar2-scaled-e1673962200197-225x300.jpeg 225w, https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Hadamar2-scaled-e1673962200197.jpeg 800w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Denkmal f\u00fcr die Opfer. Foto: Mia Hitrik<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Wir verlie\u00dfen den Ort mit einem beschwerlichen Gef\u00fchl und etwas Traurigkeit. Die Busfahrt zur\u00fcck war gepr\u00e4gt von vielem Nachdenken. Jedoch sind wir alle froh dar\u00fcber, dass wir viel Wichtiges und Neues erfahren haben. Bei einigen aus der Sch\u00fclerschaft kam der Wunsch auf, sich mehr und intensiver mit dieser Thematik in der Schule auseinanderzusetzen. Denn man darf niemals vergessen, was damals passiert ist, und es ist nur gerecht gegen\u00fcber den Opfern, sich immer wieder mit ihren verschiedenen Geschichten auseinanderzusetzen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Mia Hitrik, Zo\u00e9 Tornow Am Montag, den 7. November 2022 besuchte die Q3 (13. Klasse) die Gedenkst\u00e4tte Hadamar. Diese war w\u00e4hrend der Zeit des Nationalsozialismus eine T\u00f6tungsanstalt, in der circa 10.000 Menschen mit k\u00f6rperlichen oder geistigen Behinderungen ermordet wurden. Schon beim Eintreffen in den kleinen Ort bekamen wir ein schauerliches Gef\u00fchl. 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