{"id":429,"date":"2023-05-17T09:50:00","date_gmt":"2023-05-17T07:50:00","guid":{"rendered":"https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/?p=429"},"modified":"2023-05-13T12:28:08","modified_gmt":"2023-05-13T10:28:08","slug":"todestrakt-dachau-ein-massenmord-der-fragen-aufwirft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/?p=429","title":{"rendered":"Todestrakt Dachau \u2013 Ein Massenmord, der Fragen aufwirft"},"content":{"rendered":"\n<p>von Gwen Gr\u00fcndel<\/p>\n\n\n\n<p>Stell dir folgendes Szenario vor: Du befindest dich in einem Zug, eingepfercht zwischen tausend anderen Menschen. Du siehst nichts. Es ist kalt. Dein K\u00f6rper streikt vor Hunger. Du kannst kaum atmen oder dich auf den Beinen halten. Du wei\u00dft nicht, wie lange dieser Zustand noch andauern wird und hast keinerlei Vorstellung davon, wohin du gebracht wirst. Um dich herum panisches Stimmengewirr und ein von allen Seiten auf dich einwirkender Druck. Massenpanik. Ein Gef\u00fchl der Ohnmacht. Du hast Todesangst \u2013 f\u00fcr die meisten etwas Unvorstellbares. H\u00f6chstens ein Alptraum, aus dem man schwei\u00dfgebadet erwacht, um anschlie\u00dfend erleichtert aufzuatmen, sich umzudrehen und behaglich weiterzuschlafen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die zur Zeit des nationalsozialistischen Regimes (NS-Regime) deportierten H\u00e4ftlinge, z.B. in das Konzentrationslager Dachau, war dies der Beginn einer Folge an unvorstellbaren Grausamkeiten. Und alles mit nur einem Ziel: ihrem Tod. Der gr\u00f6\u00dfte und grausamste Genozid der menschlichen Geschichte: der Holocaust. Jedem bekannt und dennoch den meisten Menschen in seinem Ausma\u00df und seiner Abscheulichkeit so fern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Massenmord, der Fragen aufwirft: Wie konnte es zu einem so abscheulichen Verbrechen kommen und wer sind die Schuldtragenden? Welche Auswirkungen hat der Holocaust auf das Leben der heutigen j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung und wie kann man selbst den richtigen Umgang mit solch einem unentschuldbaren Verbrechen finden?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese und etliche weitere Fragen stellten sich unter der Leitung von Frau R\u00f6hm und Herrn Koch 15 Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler aus der Q1 (12. Klasse) der Albert-Schweitzer-Schule Offenbach. Bei einer f\u00fcnft\u00e4gigen Studienfahrt sahen sich alle Teilnehmenden dabei nicht nur mit erschreckenden Wahrheiten, sondern gleicherma\u00dfen mit angsteinfl\u00f6\u00dfenden Tatsachen und herzergreifenden Biografien konfrontiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Anreise am 24.01.2023 im Max Mannheimer Haus nahe der Gedenkst\u00e4tte Dachau erfolgte f\u00fcr die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler dahingehend zun\u00e4chst eine thematische Einf\u00fchrung seitens der Gruppenleiterinnen Stefania Gavazza-Zuber und&nbsp;Cecilia Mussini. Jene umfasste dabei Informationen \u00fcber die ehemalige Anzahl an Konzentrationslagern (KZs). \u201eKriterien\u201c f\u00fcr eine Inhaftierung waren beispielsweise, ob jemand als \u201ej\u00fcdischst\u00e4mmig\u201c, homosexuell, oder \u201easozial\u201c eingestuft wurde oder vermeintliche Kriegsverbrechen begangen hat. Im Zuge dessen konnten die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler zudem eigenst\u00e4ndig Kopien von Relikten, wie beispielsweise Propagandaplakaten, Inhaftierungslisten, Fotografien oder Zeichnungen von Inhaftierten, ansehen und besprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend stand am zweiten Tag der Besuch der Gedenkst\u00e4tte Dachau an. Dieser stellte trotz der zuvor erfolgten intensiven Auseinandersetzung mit dem Thema eine enorme mentale Herausforderung dar. So war bereits der Weg zur und das Betreten der Gedenkst\u00e4tte etwas, was keiner der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler je zuvor erlebt hatte. Einige empfanden allein die Luft innerhalb der Gedenkst\u00e4tte als andersartig, w\u00e4hrend andere eine pl\u00f6tzliche Schwere oder gar Angst versp\u00fcrten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die anschlie\u00dfenden Stunden vor Ort standen den anf\u00e4nglich empfundenen Gef\u00fchlen in nichts nach. Eine gro\u00dfe Rolle nahmen dabei die im Museum dargelegten Biografien wie auch die ausgestellten Besitzt\u00fcmer ehemaliger Inhaftierter oder verbliebene Gegenst\u00e4nde aus dem Lager ein. Die Visualisierung des bereits zuvor Geh\u00f6rten entfachte dabei eine zuvor ungeahnte N\u00e4he und Betroffenheit. Ebenfalls schockierend waren die Nachbildungen der Baracken wie auch das Krematorium und der daran angrenzende Friedhof. Der Anblick der dort befindlichen Gaskammern, welche als \u201eBrausebad\u201c getarnt f\u00fcr Experimente an H\u00e4ftlingen genutzt wurden, stellte wohl den grausamsten Teil der Gedenkst\u00e4tte dar. Ebenfalls ersch\u00fctternd anzusehen waren die an das Museum angrenzenden Einzel-und Stehzellen, welche ebenfalls als Mittel der Qual und Bestrafung verwendet wurden.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Verlassen der Gedenkst\u00e4tte geschah etwas \u00e4u\u00dferst Absonderliches: In dem Moment, als die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler durch die Tore der Gedenkst\u00e4tte schritten, erhob sich ein riesiger Schwarm Raben aus mehreren Baumkronen. Die anf\u00e4ngliche Verwirrung und der eintretende Grusel l\u00f6sten sich jedoch schnell auf. Es schien wie ein Zeichen \u2013 als w\u00e4re es den Abertausenden auch nach ihrem Tod auf dem Gel\u00e4nde gefangenen Seelen nun m\u00f6glich, frei davonzufliegen, um in Frieden zu ruhen. Ein Gef\u00fchl von Hoffnung.<\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch stellte der darauffolgende Tag eine nicht minder gro\u00dfe Herausforderung dar. Am Mittwochvormittag stand diesbez\u00fcglich zuerst das Zeitzeugengespr\u00e4ch mit Frau Dr. Eva Umlauf an. Dieses war zuvor in gemeinsamer Gruppenarbeit vorbereitet worden und wurde nach Abschluss reflektiert. Das weitergegebene Wissen wie auch die pers\u00f6nliche Heranf\u00fchrung an die Thematik waren dabei f\u00fcr alle Beteiligten unglaublich bereichernd und unvergesslich. Noch am gleichen Nachmittag stand sodann ein Besuch der nahegelegenen Gedenkst\u00e4tte Hebertshausen an. Jene diente fr\u00fcher der Gefangennahme und Erschie\u00dfung von sowjetischen Kriegsgefangenen. Auch hier erlangten alle Beteiligten Einsicht in viele Biografien der dort Ermordeten und erhielten Informationen \u00fcber die weitere Historie des Ortes. Dieser war nach der Invasion der Amerikaner Jahre nach der Befreiung der NS-Gefangenen weiterhin als \u00dcbungsplatz f\u00fcr amerikanische Soldaten verwendet worden. Schockierend war nebstdem auch, dass das dortige ehemalige Gasthaus der NS-Soldaten heute als Unterbringungsort f\u00fcr Obdachlose, Fl\u00fcchtlinge oder allgemein Hilfsbed\u00fcrftige genutzt wird. Nach der R\u00fcckkehr in die Jugendherberge erfolgte daraufhin die Erstellung eines so genannten Schuldbarometers. Dieses diente der Evaluation des am Tag Erlebten und der Zuweisung von Verantwortung bez\u00fcglich der Verbrechen unter der NS-Herrschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag unternahm die Gruppe zum Ende der Studienfahrt einen Tagesausflug nach M\u00fcnchen. Dieser begann mit einer detailreichen F\u00fchrung durch das dortige NS-Dokumentationsmuseum und wurde mit einem gemeinsamen Essen abgeschlossen. Hier war es allen m\u00f6glich, das Erlebte der Woche f\u00fcr einen Moment zu vergessen und ausgelassen miteinander Zeit zu verbringen. Gedanken, Gef\u00fchle, Sorgen oder auch Fragen fanden den Rest der Woche \u00fcber dabei stets in einem abendlichen Ritual, Reflexionsrunde genannt, ihren Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Abreisetag nutzte die Gruppe ihren letzten gemeinsamen Morgen f\u00fcr eine intensive Nachbesprechung der Woche und eine Auseinandersetzung mit heutigem, sekund\u00e4rem Antisemitismus. Der Film \u201eMasel Tov Cocktail\u201d fungierte hierbei als realit\u00e4tsgetreue Veranschaulichung und brachte zuvor unbekannte Problematiken n\u00e4her. Allgemein nahmen alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Vielzahl an Eindr\u00fccken, Informationen, Erfahrungen und bleibenden Erinnerungen mit. Die dabei wichtigste Botschaft, welche alle Teilnehmenden f\u00fcr sich mitnahmen, war jedoch wenig komplex: \u201eNie wieder. Nie wieder zulassen, dass solche Verbrechen geschehen. Nie wieder unt\u00e4tig bleiben, wenn man selbst Gewalt und Diskriminierung miterlebt. Nie wieder schweigen, wenn man die M\u00f6glichkeit hat, sich gegen Unrecht auszusprechen. Nie wieder unbegr\u00fcndeter Hass, Gewalt und Tyrannei. Nie wieder wegschauen. Nie wieder Antisemitismus.\u201c Ein Satz, nach dem auch du dich in deinem Handeln richten solltest. Ein Satz von Dauer.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Gwen Gr\u00fcndel Stell dir folgendes Szenario vor: Du befindest dich in einem Zug, eingepfercht zwischen tausend anderen Menschen. Du siehst nichts. Es ist kalt. Dein K\u00f6rper streikt vor Hunger. Du kannst kaum atmen oder dich auf den Beinen halten. 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