{"id":461,"date":"2023-06-28T08:26:00","date_gmt":"2023-06-28T06:26:00","guid":{"rendered":"https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/?p=461"},"modified":"2023-06-21T23:33:20","modified_gmt":"2023-06-21T21:33:20","slug":"vom-unverschaemten-glueck-frei-sein-zu-duerfen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/?p=461","title":{"rendered":"Vom unversch\u00e4mten Gl\u00fcck, frei sein zu d\u00fcrfen"},"content":{"rendered":"\n<p>von Talya Coskun; Foto von Pixabay<\/p>\n\n\n\n<p>So oft habe ich mich gefragt, was es bedeutet, wahrhaftiges Gl\u00fcck zu versp\u00fcren. Oft habe ich mich vor meiner beschwerlichen und anstrengenden Flucht nach Deutschland danach gesehnt, unbeschwert und ohne Angst leben zu d\u00fcrfen. Herzhaft zu lachen. Spa\u00df mit meinen Freunden zu haben. Wie lange ist das schon her? Habe ich denn jemals ein sorgenfreies Leben gef\u00fchrt? Dort, wo jederzeit Bomben flogen, Sch\u00fcsse fielen und unschuldige Menschen verwundet oder get\u00f6tet wurden? Meine Familie \u2013 mein kleiner Bruder, meine Mama und mein Papa \u2013 und ich, lebten lange Zeit inmitten eines zerst\u00f6rerischen Kriegs und niemand wusste, wie viele Tage noch folgen w\u00fcrden, die Angst und Schrecken mit sich brachten&#8230; Irgendwann hielten wir es nicht mehr aus, borgten uns das n\u00f6tige Geld bei all unseren Verwandten und reisten mit vielen anderen Fl\u00fcchtlingen \u2013 eingepfercht wie Tiere im K\u00e4fig \u2013 in einem Transporter nach Europa. Unser Ziel war Deutschland. Denn wir h\u00f6rten, dass es dort Hilfe f\u00fcr uns geben wird, man sich um uns k\u00fcmmern kann und dass dort keine Bomben fliegen, Sch\u00fcsse fallen und man ohne Angst das Haus verlassen kann! Ist es das, was man als Gl\u00fcck bezeichnen kann? Das Gl\u00fcck, sorgenfrei aufwachen und einschlafen zu k\u00f6nnen? Das Gl\u00fcck, all seine Lieben unversehrt und gesund um sich herum haben zu k\u00f6nnen? Ja, all das tr\u00e4gt zu einem Leben bei, das man genie\u00dfen kann. Aber in Deutschland habe ich erfahren, dass Gl\u00fcck viel mehr ist als ein Leben ohne Gewalt und Angst. Gl\u00fcck definiert sich vor allen Dingen \u00fcber die kleinen unvergesslichen Momente, die man sammelt und in unendlicher Dankbarkeit nie wieder vergisst.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich mit meiner Familie nach vielen Wochen der Ungewissheit in Deutschland ankam, habe ich kein einziges Wort verstanden. Alles und jeder erschien mir fremd und ich f\u00fchlte mich wie ein Eindringling ohne Aufenthaltsgenehmigung. Durfte ich hier denn Gast sein? Mehr als ein Gast, ein Mitb\u00fcrger mit denselben Rechten? Ich muss zugeben, ich hatte gro\u00dfe Angst, Heimweh und ich sorgte mich um all diejenigen, die wir zur\u00fccklassen mussten. Und doch wusste ich: In Deutschland schreibe ich ein neues Lebenskapitel! Und von einem sehr bedeutsamen Teil dieses neuen Kapitels, m\u00f6chte ich euch jetzt berichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich besuche nun schon seit vielen Monaten eine Gesamtschule mit hohem Migrationsanteil, weshalb ich mich dort zum Gl\u00fcck schnell eingelebt und neue Freunde gefunden habe. Ich trage am Wochenende Zeitungen aus, um mir ein wenig Taschengeld dazu zu verdienen und endlich kann ich sie wahrnehmen, die Stille, von der ich schon so viel erz\u00e4hlt bekommen habe. Von der Stille ohne Sch\u00fcsse, Bomben oder Kampfjets, die auch vor der Nacht keinen Halt machen. Und weil ich geradezu s\u00fcchtig bin nach dieser wohltuenden Stille, habe ich mich eines Tages im Sommer auf den Weg gemacht. Zu einem Ort, an dem man eine Stecknadel fallen h\u00f6ren k\u00f6nnen soll. Und diesen Ort fand ich in Gestalt eines hohen Berges, umh\u00fcllt von Wolken wie Zuckerwatte. So still, dass der eigene Atem lauter empfunden wird als der Aufprall eines Geschosses in eine Wand aus Beton. Habt ihr schon einmal das Privileg gehabt, diese Stille in euch aufzusaugen? Keine Autos, keine Schreie von verzweifelten, verwundeten Menschen. Ich dachte immer, man m\u00fcsste sich vor der Stille f\u00fcrchten, sie meiden oder gar Angst vor ihr haben. Ich sage euch: Ich habe mich noch nie in meinem Leben so frei gef\u00fchlt, so unglaublich zufrieden! Ich dufte das erste Mal in meinem Leben NICHTS h\u00f6ren als meinen eigenen Atem. Ja, eine Stecknadel h\u00e4tte ich tats\u00e4chlich fallen geh\u00f6rt. Ich wei\u00df, das mag f\u00fcr euch trivial klingen, als nichts Besonderes, \u00fcber das es sich zu berichten lohnt. Doch ich wei\u00df, dass genau das, eine alles umh\u00fcllende Stille ohne Ger\u00e4usche des Leids und Tods, das wahre Gl\u00fcck bedeuten k\u00f6nnen. Auf diesem Berg wusste ich: Ich bin in Sicherheit. Hier brauche ich keine Angst vor fremder Willk\u00fcr und Mordlust haben. Hier kann ich sein, einfach nur ich selbst sein. Und von da an wusste ich: Ich bin angekommen, ich bin dort, wo ich immer sein wollte! An dem Ort, der sich nicht wie ein ewig w\u00e4hrendes Gef\u00e4ngnis, sondern wie das Tor in die Freiheit anf\u00fchlte. Ich liebte diesen Ort bedingungslos und schon bald begleitete mich meine Familie dorthin.<\/p>\n\n\n\n<p>Das wahre Gl\u00fcck ist f\u00fcr mich die Stille h\u00f6ren zu d\u00fcrfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Talya Coskun; Foto von Pixabay So oft habe ich mich gefragt, was es bedeutet, wahrhaftiges Gl\u00fcck zu versp\u00fcren. Oft habe ich mich vor meiner beschwerlichen und anstrengenden Flucht nach Deutschland danach gesehnt, unbeschwert und ohne Angst leben zu d\u00fcrfen. Herzhaft zu lachen. Spa\u00df mit meinen Freunden zu haben. Wie lange ist das schon her? 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