{"id":466,"date":"2023-06-28T08:20:00","date_gmt":"2023-06-28T06:20:00","guid":{"rendered":"https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/?p=466"},"modified":"2023-06-28T08:47:39","modified_gmt":"2023-06-28T06:47:39","slug":"das-geheimnis-des-wahren-gluecks","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/?p=466","title":{"rendered":"Das Geheimnis des wahren Gl\u00fccks"},"content":{"rendered":"\n<p>von Ole Steffen; Foto von Pixabay<\/p>\n\n\n\n<p>Hallo, ich hei\u00dfe Kasim und bin 12 Jahre alt. Eigentlich komme ich aus Afghanistan, einem Land, in dem sich viele Menschen vor den Gesetzen der Regierung f\u00fcrchten. Jetzt lebe ich hier in Deutschland und hatte gro\u00dfes Gl\u00fcck, dass ich hierhergekommen bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Geschichte begann vor sieben Jahren. Ich lebte mit meinen Eltern und meinem Zwillingsbruder Yasin in einem sch\u00f6nen Haus an der Grenze zu Tadschikistan. Doch dann kamen die Soldaten in unsere Stadt, die Erwachsenen hatten Angst und sprachen von Krieg. Ich verstand nicht, was sie meinten, doch ich hatte auch Angst. Zu diesem Zeitpunkt war in unserer Stadt noch alles sicher, doch das Schicksal traf uns schneller, als wir gedacht h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter kamen unsere Eltern bei einem Bombenangriff auf unsere Stadt ums Leben. Mit Menschen aus unserer Stadt flohen mein Bruder und ich nach Deutschland. Ich wei\u00df nicht mehr, wie es geschah, aber Yasin und ich verloren uns w\u00e4hrend der Flucht aus den Augen und ich wurde bei einer Pflegefamilie in einer Stadt namens Offenbach aufgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sieben Jahre sp\u00e4ter. Stefan und Kathrin sind die besten Adoptiveltern, die man sich vorstellen kann. Sie k\u00fcmmern sich immer liebevoll um mich, als w\u00e4re ich ihr eigener Sohn. Hier f\u00fchle ich mich sicher. Meine richtigen Eltern werde ich nat\u00fcrlich nie vergessen. Stefan und Kathrin haben auch versucht, meinen Bruder zu finden, was ihnen aber nicht gelang, da wir nur seinen Vornamen kannten und auch keine Ausweispapiere vorhanden waren. Ich war unendlich traurig dar\u00fcber. So sehr hatte ich gehofft, meinen Bruder irgendwann wieder zu finden und ich werde die Hoffnung auch niemals aufgeben. Irgendwann werde ich Yasin wiedersehen!<\/p>\n\n\n\n<p>In meiner Schule f\u00fchle ich mich sehr wohl. Klar, der Unterricht macht nicht immer Spa\u00df. Aber ich habe nette Lehrer, eine tolle Klasse und relativ gute Noten. Um mich herum habe ich sehr viele gute Freunde gefunden. Nat\u00fcrlich habe ich auch einen besten Freund. Er hei\u00dft Jonas und geht in die gleiche Klasse wie ich. Wir verstanden uns sofort.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mir auch sehr lange \u00fcberlegt, was ich tun w\u00fcrde, wenn ich meinen Bruder wiedersehen w\u00fcrde. Mein neues Leben k\u00f6nnte ich nicht einfach aufgeben und z.B. zu meinem Bruder gehen. Wir w\u00fcrden einfach ganz oft miteinander telefonieren. Ich m\u00f6chte nur die Gewissheit haben, dass es ihm gut geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute fahren wir endlich auf Klassenfahrt in den Schwarzwald. Darauf habe ich mich schon sehr lange gefreut. Wir werden viele tolle Aktivit\u00e4ten machen, wie zum Beispiel eine Bootstour mit Ruderbooten oder einen Kletterpark besuchen. Ich habe es geschafft, mit Jonas in ein Zimmer zu kommen. Wir haben uns vorgenommen, eine Nacht wachzubleiben. Wir m\u00fcssen uns nur schlafend stellen, wenn die Lehrer ihre letze Zimmerkontrolle machen. Au\u00dfer uns f\u00e4hrt noch eine Klasse aus D\u00fcsseldorf in die gleiche Jugendherberge. Im Bus wird es schon nach f\u00fcnf Minuten sehr chaotisch. Unsere Klassenlehrerin bekommt leider mit, wie ich mit einem anderen Freund \u00fcber unsere Pl\u00e4ne, eine Nacht durchzumachen, rede. Mist! Nach zweieinhalb Stunden sind wir endlich angekommen. Die Jugendherberge ist im Blockh\u00fcttenstil gebaut und sehr sch\u00f6n. Sie liegt an einem See, in der N\u00e4he eines Waldes. Mit den Sch\u00fclern aus D\u00fcsseldorf haben wir bis jetzt wenig Kontakt, da sie in einem anderen Haus untergebracht sind und auch andere Ausfl\u00fcge machen. Am vorletzten Tag haben unsere Lehrer mit ihnen ein Fu\u00dfballturnier geplant. Da ich mich nicht besonders f\u00fcr Fu\u00dfball interessiere, werde ich wahrscheinlich in dieser Zeit eine der anderen angebotenen Aktivit\u00e4ten machen. Yasin hat fr\u00fcher sehr gerne Fu\u00dfball gespielt. Er war sogar recht gut.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe mir vorgenommen, nicht an meinen Zwillingsbruder zu denken, um die Klassenfahrt genie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Obwohl wir sehr viel unternehmen, sind meine Gedanken oft bei ihm. Die Ungewissheit, ob es ihm gut geht, bereitet mir immer mehr Kopfzerbrechen. Hat er m\u00f6glicherweise die Reise nicht \u00fcberlebt? Vielleicht geht es ihm nicht gut. Wenn ich ihn nicht bald finde, werde ich noch verr\u00fcckt. \u201eWas ist los?\u201c, fragt mich Jonas. \u201eAch nichts\u201c, antwortete ich ihm. \u201eEs ist wegen Yasin, oder?\u201c Ich nicke nur. Ehrlich gesagt habe ich die Hoffnung schon aufgegeben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Klassenfahrt macht sehr viel Spa\u00df. Wir haben schon so viele tolle Sachen gemacht, dass es sich anf\u00fchlt, als w\u00e4ren wir schon ewig hier. Eigentlich sind erst zwei Tage vergangen. Leider fahren wir schon \u00fcbermorgen wieder nach Hause. Morgen bleiben wir den ganzen Tag in der Jugendherberge. Unsere Lehrer wollen uns einen Tag geben, an dem wir machen k\u00f6nnen, was wir m\u00f6chten. Am Nachmittag planen wir eine Schnitzeljagd und k\u00f6nnen verschiedene Aktivit\u00e4ten machen. Auch das Fu\u00dfballturnier ist geplant. Die Teams f\u00fcr das Turnier werden schon heute, direkt nach der Ruderbootstour, ausgelost. Ich h\u00f6re nicht richtig zu, weil ich damit besch\u00e4ftigt bin, mir mit Julian, einem anderen Freund aus unserem Zimmer, einen Racheplan auszudenken, da einige Kinder aus meiner Klasse unseren geheimen Chips- und S\u00fc\u00dfigkeitenvorrat gepl\u00fcndert haben.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Hallo, ich hei\u00dfe Jonas und ich bin Kasims bester Freund. Die Klassenfahrt war bis jetzt richtig toll. Kasim und ich hatten viel Spa\u00df miteinander und mit unseren Freunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute ist das Fu\u00dfballturnier, an dem ich teilnehme. Kasim wird leider nicht teilnehmen, da er sich nicht f\u00fcr Fu\u00dfball interessiert. Er hat sich f\u00fcr diese Zeit zu einen Bogenschie\u00dfkurs angemeldet. Beim Fu\u00dfballturnier besiegen wir unseren ersten Gegner leicht. Im Halbfinale fliegen wir leider aus dem Turnier raus. Also schaue ich beim Finale zu und setze mich auf die Bank neben einen Sch\u00fcler aus D\u00fcsseldorf. \u201eHi\u201c, sage ich zu ihm, \u201eBist du auch im Halbfinale ausgeschieden?\u201c \u201eJa, leider. Eigentlich habe ich richtig gut gespielt\u201c, sagt er zu mir. Ich frage ihn: \u201eSpielst du eigentlich in einem Verein?\u201c Er antwortet mir: \u201eJa, sogar in einem recht guten Verein! Wir haben in der letzten Saison den D\u00fcsseldorf-Entscheid unserer Jugend gewonnen.\u201c \u201eRichtig gut\u201c, freue ich mich f\u00fcr ihn. \u201eSoll ich dir das Foto in der Zeitung zeigen?\u201c \u201eGerne!\u201c Er zeigt mir das Foto. Die Zeitung hat einen Bericht von einer ganzen Seite \u00fcber ihren Sieg geschrieben. \u201eUnd hier ist das Foto\u201c, sagt er, \u201eschau mal, weil ich Kapit\u00e4n bin, halte ich auch den Pokal hoch. Ich spiele als zentraler Mittelfeldspieler. Aber eher offensiv&#8230;\u201c Ich h\u00f6re ihm nicht mehr richtig zu, denn etwas ganz Anderes neben dem Pokal zieht meine ganze Aufmerksamkeit auf sich. Ein Junge auf dem Bild sieht aus wie Kasim! Vor Schreck bin ich wie gel\u00e4hmt. Ich frage ihn: \u201eWer ist denn der Junge, der auf dem Bild neben Dir steht?\u201c \u201eDas ist unser Ersatzkeeper Yasin, warum?\u201c Ich kann es kaum glauben. Yasin! Wenn das Kasims Bruder ist&#8230; \u201eAus welchem Land kommt er denn?\u201c, frage ich. Der Sch\u00fcler aus D\u00fcsseldorf antwortet: \u201eIch glaube, aus Afghanistan. Er ist ein Fl\u00fcchtling und lebt schon seit sieben Jahren in Deutschland.\u201c Kein Zweifel, das ist Yasin, der Bruder von Kasim. Das Finalspiel wird abgepfiffen und ich verabschiede mich von dem Jungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachts liege ich lange wach und \u00fcberlege, was ich tun soll. Wenn ich Kasim sage, dass ich seinen Zwillingsbruder gefunden habe, wird er vielleicht zu ihm nach D\u00fcsseldorf ziehen. Oder er wird nicht mehr so viel Zeit mit mir verbringen, weil er jetzt seinen Bruder hat. Aber Kasim w\u00e4re wahnsinnig gl\u00fccklich und ich entschlie\u00dfe mich dann doch dazu, ihm die ganze Geschichte zu erz\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich schaue r\u00fcber zu Kasim, der von allem noch nichts wei\u00df und schlafe ein. Am n\u00e4chsten Morgen gehe ich zu dem Jungen aus D\u00fcsseldorf und erkl\u00e4re ihm alles. Er gibt mir Yasins Handynummer, ich steige in unseren Bus und wir fahren nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter stehe ich mit Kasim, Stefan und Kathrin in Kasims Zimmer vor seinem PC und schaue zu, wie Kasim diese Nummer w\u00e4hlt und auf \u201eVideoanruf starten\u201c dr\u00fcckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wahres Gl\u00fcck bedeutet nicht, einer Gefahr entkommen zu sein oder im Lotto gewonnen zu haben. Auch nicht, seinen verlorenen Bruder wiederzufinden. Wahres Gl\u00fcck begegnet einem in Menschen, die einem Gl\u00fcck bereiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Ole Steffen; Foto von Pixabay Hallo, ich hei\u00dfe Kasim und bin 12 Jahre alt. Eigentlich komme ich aus Afghanistan, einem Land, in dem sich viele Menschen vor den Gesetzen der Regierung f\u00fcrchten. Jetzt lebe ich hier in Deutschland und hatte gro\u00dfes Gl\u00fcck, dass ich hierhergekommen bin. Meine Geschichte begann vor sieben Jahren. 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