{"id":895,"date":"2026-01-22T19:25:06","date_gmt":"2026-01-22T18:25:06","guid":{"rendered":"https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/?p=895"},"modified":"2026-01-22T19:25:06","modified_gmt":"2026-01-22T18:25:06","slug":"ein-leben-im-schatten-der-stasi-zeitzeugenbericht-aus-der-ddr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schuelerzeitung-ass.de\/?p=895","title":{"rendered":"Ein Leben im Schatten der Stasi \u2013 Zeitzeugenbericht aus der DDR"},"content":{"rendered":"\n<p>von Sofia Davidovic; Foto von Frau R\u00f6hm<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch wurde von 105 Stasis bespitzelt\u201c, erinnert sich Lothar Rochau in einem Gespr\u00e4ch \u00fcber die Jahre, in denen Unterdr\u00fcckung und Misstrauen seinen Alltag pr\u00e4gten. Als Zeitzeuge der ehemaligen DDR (Deutsche Demokratische Republik) besuchte er am 22. Oktober 2025 die Albert-Schweitzer-Schule (ASS), um die Politik- und Wirtschaftskurse der elften Klasse aus erster Hand von seinem Leben unter dem DDR-Regime aufzukl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Geboren wurde Lothar Rochau am 2. September 1952 in Wei\u00dfensee in Th\u00fcringen, wo er die zehnte Klasse einer Polytechnischen Oberschule absolvierte. Schon hier wirkte die manipulative Macht der DDR auf ihn, denn Rochau berichtet, dass anders als heute nur 10&nbsp;% der Sch\u00fcler ihr Abitur absolvieren konnten. \u201eMit Leistung kam man nicht weit\u201c, so Rochau, denn wer politisch gesehen nicht linientreu war, hatte kaum eine Chance, die erweiterte Oberstufe zu besuchen oder das Abitur zu absolvieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seinem Abschluss entschied er sich f\u00fcr eine Ausbildung zum Werkzeugmacher, trat allerdings kurz danach seinen Wehrdienst an. Diesen verbindet er jedoch prim\u00e4r mit negativen Ereignissen, da sich unter den Soldaten eine regelrechte Hierarchie, bei der oft Neue mit Geringsch\u00e4tzung behandelt wurden, einnistete. Was Rochau aber am erschreckendsten fand, war die Tatsache, dass vermeintliche Autorit\u00e4ten beim Wehrdienst bei Auseinandersetzungen nicht einschritten. Dennoch gab es f\u00fcr Rochau in dieser tr\u00fcben Zeit einen Lichtblick. So verbrachte er mit einigen seiner Kameraden seine Zeit damit, eindr\u00fcckliche Diskussionen und kritische Gespr\u00e4che auch \u00fcber das DDR-Regime zu f\u00fchren. Einen gro\u00dfen Ankerpunkt bildeten hier generell der christliche Glauben und Zitate aus der Bibel, welche ihn zum Nachdenken brachten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seinem Wehrdienst wollte Rochau in seinem erlernten Beruf Fu\u00df fassen. Zu seinem Bedauern musste er jedoch feststellen, dass ihm der einst versprochene Arbeitsplatz verwehrt wurde. Grund daf\u00fcr sei ein schlechtes Zeugnis w\u00e4hrend der Wehrpflicht, das auf Rochaus kritisches und eigenst\u00e4ndiges Denken zur\u00fcckzuf\u00fchren war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach diesem R\u00fcckschlag war er gezwungen, sich eine andere T\u00e4tigkeit zu suchen und stie\u00df kurzerhand auf die Kirche. Denn im religi\u00f6sen Rahmen besa\u00df die DDR nur wenig Macht und der christliche Glaube war f\u00fcr ihn, wie auch schon in der Armee, ein Symbol f\u00fcr Freiheit. So absolvierte er eine Ausbildung zum Diakon und wurde kurz darauf in Halle-Neustadt eingesetzt, wo er vor allem mit Jugendlichen arbeitete.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend seiner Arbeit in der Kirche machte Rochau in \u00f6ffentlichen Vortr\u00e4gen oft seine Kritik gegen\u00fcber der DDR deutlich und geriet dadurch schon bald ins Visier der Staatssicherheit (Stasi). Was f\u00fcr uns heute ein Grundrecht ist, blieb den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern der DDR verwehrt, denn offene Kritik am politischen System oder an der SED-Herrschaft war nicht erlaubt und konnte staatliche Repressionen wie \u00dcberwachung, Verh\u00f6re oder berufliche Nachteile nach sich ziehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Folgen musste auch Rochau erfahren. Laut Stasi-Unterlagen waren 105 Mitarbeiter an seiner \u00dcberwachung und ,,Zersetzung\u201c, wie er es nennt, beteiligt. Das ist ein System, bei dem nicht nur Post \u00fcberwacht oder Telefonate abgeh\u00f6rt wurden, sondern heimlich in Wohnungen eingedrungen und kleinere Einrichtungsgegenst\u00e4nde umgestellt wurden, um die Psyche der Staatsfeinde zu zerm\u00fcrben. Dazu kam noch, dass die meisten der Spitzel inoffiziell f\u00fcr die Stasi arbeiteten, wodurch man niemals wissen konnte, wem man trauen darf und wem nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Rochau bedeutete diese \u00dcberwachung st\u00e4ndige Anspannung. Er wusste, dass er beobachtet wurde, konnte sich aber nie sicher sein, von wem. Diese Angst, nie allein zu sein, pr\u00e4gte sein Leben und das vieler anderer Menschen in der DDR.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn man sich vorstellt, dauernd aufpassen zu m\u00fcssen, was man sagt oder wem man vertraut, wird deutlich, dass Freiheit und Meinungs\u00e4u\u00dferung f\u00fcr uns heute selbstverst\u00e4ndlich geworden sind. Rochau steht damit stellvertretend f\u00fcr viele, die den Mut hatten, trotz der Gefahr, die damit verbunden war, sich zu \u00e4u\u00dfern.<\/p>\n\n\n\n<p>Den H\u00f6hepunkt jedoch bildete die Inhaftierung Rochaus, da ihm ,,staatsfeindliche Hetze\u201c vorgeworfen wurde. Doch auch hier blieb er nicht verschont, denn es stellte sich heraus, dass selbst sein Anwalt im Gericht Stasi-Mitglied war und sogar sein einziger Zellengenosse im Gef\u00e4ngnis \u2013 die einzige Person, mit der Rochau damals reden konnte \u2013 ein Spitzel war. Rochau habe nie geglaubt, dass die Stasi so weit gehen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz nach seiner Entlassung wanderte Rochau in die BRD aus, wo er nochmals studierte. Doch trotz allem hielt es ihn nicht lange dort \u2013 er wollte wieder in die DDR, seinem Zuhause, zur\u00fcck. Er erkl\u00e4rte uns, dass er diese nie verlassen wollte, vielmehr war es sein Wunsch, sie zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Fall der Mauer 1989 war dies Rochau endlich m\u00f6glich, weshalb er in seine Heimat Halle-Neustadt zur\u00fcckkehrte und sein Leben bis zur Pensionierung der Arbeit in der Kirche sowie dem Aufbau der Stadt widmete.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute kl\u00e4rt er junge Menschen \u00fcber die damalige Zeit auf und schrieb unter anderem die Autobiografie ,,Marathon mit Mauern\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin sehr dankbar daf\u00fcr, dass uns Lothar Rochau besucht und uns von seiner spannenden und einpr\u00e4gsamen Geschichte erz\u00e4hlt hat. F\u00fcr mich war die Begegnung, in der ein Zeitzeuge \u00fcber die damaligen Geschehnisse berichtet hat, ergreifender als beispielsweise im Unterricht einen Text \u00fcber die Thematik zu lesen. Dadurch wurde mir bewusst, dass hinter den Geschichten echte Menschen mit echten Schicksalen stehen. Durch seine Erz\u00e4hlung habe ich verstanden, wie wichtig Freiheit, Meinungs\u00e4u\u00dferung und die Wahrung der Menschenrechte sind \u2013 Werte, die heute selbstverst\u00e4ndlich scheinen, aber f\u00fcr viele wie Lothar Rochau damals mit gro\u00dfem Mut und pers\u00f6nlichem Risiko verbunden waren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Sofia Davidovic; Foto von Frau R\u00f6hm \u201eIch wurde von 105 Stasis bespitzelt\u201c, erinnert sich Lothar Rochau in einem Gespr\u00e4ch \u00fcber die Jahre, in denen Unterdr\u00fcckung und Misstrauen seinen Alltag pr\u00e4gten. Als Zeitzeuge der ehemaligen DDR (Deutsche Demokratische Republik) besuchte er am 22. 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