von Junia Perrot; Foto KI-generiert mithilfe von ChatGPT

Fast zwei Monate war es nun schon her, dass meine Eltern mir verkündeten, dass ich auf ein Internat gehen solle. Damals war ich ganz und gar nicht begeistert, aber ich beschloss, es wie einen Neuanfang zu sehen. Eine Woche später war es soweit. Mit der Zimmerzuweisung war ich sehr zufrieden. Ich bekam ein nettes Zimmer mit einem kleinen Balkon und meine Mitbewohnerin war mir sofort sympathisch. Das Zimmer lag direkt in dem Gang, der zum „Verbotenen Turm“ führte. Der Direktor erklärte uns bei seiner Ansprache (neben gefühlt tausend anderen Sachen), dass wir auf keinen Fall diesen Turm betreten dürften. Warum, erklärte er uns aber nicht.

Oh, das habe ich ja ganz vergessen zu erzählen: Ich bin Claire, Claire Moreau. Ich bin 14 Jahre alt und gehe, wie ihr wisst, seit ein paar Wochen aufs Internat. Jetzt aber zu meiner Geschichte.

Es war mitten in der Nacht, als ich aufwachte. Ich hatte ein Geräusch gehört. Da war es schon wieder. Es klang wie ein Miauen. „Ein Miauen? Haustiere sind doch im Internat verboten!“, dachte ich. Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Im spärlich beleuchteten Flur sah ich einen Schatten. Es war ein gruseliger Schatten und plötzlich ertönte ein Fauchen. Verängstigt lief ich um die Ecke und stand einer kleinen schwarzen Katze gegenüber. Also hatte ich mich nicht verhört. Aber was machte eine Katze im Internat? Moment mal, da glitzerte doch etwas in ihrem Fell. Aber was war es? Ein Halsband? Doch bevor ich es erkennen konnte, lief die Katze los und ich rannte ihr hinterher. Ich fühlte mich magisch angezogen. Während ich ihr folgte, achtete ich nicht darauf, wohin ich rannte und ehe ich mich versah, stand ich vor dem Eingang zum „Verbotenen Turm“. Doch wo war die Katze? Da hörte ich wieder ein Maunzen. Es kam direkt aus dem Turm. Frustriert lehnte ich mich gegen die Wand. Sollte ich wieder umkehren? Dann wäre das Ganze sinnlos gewesen. Die kleine schwarze Katze mit dem funkelnden Band hatte mich in ihren Bann gezogen. Und was sollte schon in diesem Turm sein? Ein winziger Abstecher würde ja nicht schaden, oder? Nach kurzem Überlegen siegte meine Neugier. Ich hob meine Hand und wollte gerade die Tür öffnen. Da schwang sie von selbst auf. Komisch, dachte ich. Mutig betrat ich die Türschwelle des Turms. Ich hörte wieder ein Miauen. Sollte ich wirklich weitergehen? Bevor ich mich entscheiden konnte, schwang die Tür wieder zu, gab mir einen Schubs und ich stolperte. Ich fiel. Doch als ich dem Boden näher kam, tat er sich auf und ich fiel ins Nichts. Ich fiel und fiel und dachte schon, ich würde gar nicht mehr aufhören zu fallen, da landete ich sanft im Gras. Irritiert richtete ich mich auf. Ich saß mitten im Wald auf einer Lichtung. Plötzlich galoppierte ein Pferd heran. Zum Glück wich es früh genug aus, um mich nicht zu Brei zu trampeln. „Hoppla, das war knapp!“, bemerkte der Reiter grinsend. Ich war sprachlos. Was hatte das alles zu bedeuten? Der Junge vor mir war inzwischen abgestiegen. Er war ungefähr so alt wie ich, aber er trug echt seltsame Kleidung. Ich erinnerte mich, dieses Gewand schon mal in meinem Geschichtsbuch gesehen zu haben. Aber in welchem Kapitel war das? Jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen. War ich etwa im Mittelalter gelandet? „Wer bist du?“, fragte ich. „Oh, wie unhöflich von mir! Ich bin Prinz James. Und du?“, antwortete er. „Ich bin Claire“, entgegnete ich perplex. Ein Prinz? „Äh, sind wir vielleicht im Mittelalter?“, fragte ich. „Mittelalter? Noch nie gehört, ich bin 15“, erwiderte er. Nun war ich vollends verwirrt. Er hingegen blieb gänzlich gelassen und lud mich ein, ihn zu begleiten. Dankbar nahm ich seine Einladung an. Wir galoppierten erst durch den Wald, dann einen Feldweg entlang und erreichten schließlich ein riesiges Schloss. Drinnen war es etwas düster, aber es wirkte äußerst beeindruckend. James wies den Butler an, uns Tee zu servieren und führte mich in einen prunkvollen Raum. Dort berichtete ich ihm, was ich erlebt hatte. Seine Neugier war geweckt. Wir erkannten, dass ich tatsächlich durch die Zeit gereist war. Er bot mir an, auf dem Schloss zu bleiben und versprach, mir zu helfen, wieder in meine Zeit zurückzukehren.

Wir suchten tagelang nach einem Hinweis. Endlich! In einem vergilbten Buch lag ein kleiner Zettel. Darauf stand ein Gedicht, welches wir zu entschlüsseln versuchten. Nach einigem Rätseln hatten wir es geschafft. Die Lösung war, an Vollmond, um Mitternacht, ein zermahlenes Kraut unter der Zunge zergehen und sich dabei auf der Lichtung auf den Boden fallen zu lassen. Außerdem musste man ganz fest an den Ort und die Zeit denken, in die man wollte. Doch dieses Kraut zu bekommen, war gar nicht so leicht. Wir verglichen jedes Kraut im Kräutergarten mit der Abbildung auf dem Zettel, doch wir konnten es einfach nicht finden.

Völlig frustriert lief ich in den Wald und ließ mich auf den Boden fallen. Das konnte doch nicht wahr sein! Zwar waren hier alle sehr nett, doch ich wollte nicht für immer hierbleiben. Da pikste mich etwas in den Po. Als ich aufstand, sah ich, dass ich genau auf dem Kraut gesessen hatte, das wir suchten.

Gerade noch rechtzeitig vor dem nächsten Vollmond hatten wir alles vorbereitet. James begleitete mich zur Lichtung. Dort angekommen hörte ich wieder ein Miauen. Bevor ich James darauf ansprechen konnte, rief er: „Minki, da bist du ja endlich wieder, ich habe dich so lange vermisst!“ Die kleine schwarze Katze, strich schnurrend um James‘ Beine. James bückte sich und nahm ihr das glitzernde Halsband ab. Er legte es mir verlegen um mein Handgelenk und flüsterte: „Vergiss mich nicht!“ „Niemals!“, erwiderte ich, und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. Schnell drehte ich mich um, damit er meinen roten Kopf nicht sehen konnte. Ich nahm das Kraut in den Mund, ließ mich fallen und knallte auf den Boden. Warum hatte es nicht funktioniert? Hatten wir den Hinweis doch falsch entschlüsselt? Da fiel es mir wieder ein. Ich musste an den Ort und die Zeit denken, in die ich wollte. Ich richtete mich auf und sah noch einmal in James‘ Augen. Er nickte mir zu. Der nächste Versuch klappte. Ich wurde hochkatapultiert und lag im Turm auf dem kalten Boden. Leise schlich ich mich in mein Zimmer und schlief sofort ein. Am nächsten Morgen erinnerte nur noch das glitzernde Band an das, was ich erlebt hatte.

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